Es liegt keine Zukunft in der Vergangenheit

Über die Arbeit mit ängstlichen und traumatisierten Hunden

„Es liegt keine Zukunft in der Vergangenheit.“ *

[snip] Ich sitze auf einer kleinen Erhebung im großen Auslauf des Tierheim Darmstadt gegenüber des Eingangs. Ich bin auf einem Seminar. Hereingeführt werden soll eine Hündin, die ein massives Problem mit Männern hat, besonders mit großen, dunklen und auch Käppis mag sie so gar nicht.

Jetzt bin ich mit meinen gut 1.76cm oder was davon im Laufe der Jahre noch übrig geblieben ist, nicht besonders groß. Meine südländische Herkunft lässt sich aber nicht wegleugnen. Mit einem Kreuz, das noch von den Arbeitergenerationen vor mir zeugt und einem dazu gehörigen breiten Brustkorb und den darum gewickelten gut zwei Zentnern werfe ich einen soliden Schatten, der schon so manchem Menschen die Sonne verdunkelt hat.

Ich habe mich freiwillig gemeldet, habe mich aus der Gruppe gelöst und mich alleine auf die genannte Erhebung gesetzt. Die Hündin wird hereingeführt. Sie wirft einen Blick auf mich und hat die Menge an Menschen schon lange wahrgenommen, die auf der anderen Seite steht und sie mit Blicken fixiert. Die nur darauf wartet, dass nun etwas passiert. Irgendwas.

Die Pflegerin der Hündin reicht mir die Leine, als ich meinen Arm danach ausstrecke, wirft die Hündin einen Blick auf meinen Arm, dann auf mich. Ich erwidere ihren Blick nur kurz. Wir sind uns einig: Wir haben kein Problem.

Sie wirft einen Blick in die Runde, dreht mir ihren Rücken zu, positioniert sich zwischen meinen Beinen und dockt an. Nichts passiert. Minutenlang.

Ich gehe ein Stück mit ihr, sie sieht mich an, als würde sie mit einem verlegenen Lächeln sagen wollen: „Wir beide gehen hier, zusammen, ja?! hihi“…

Nichts passiert. Nach wenigen weiteren Minuten gebe ich die Hündin wieder an die Pflegerin ab, die in den anderen Auslauf geführt wird und im Seminar nicht mehr dran kommt. [/snip]

Was ist da passiert? Zunächst einmal sind Hunde ja nicht doof. Da ist ein Kerl (okay, man mag vielleicht den Typ Mensch nicht so sehr) vs. einer ganzen Gruppe von Menschen, die auf auf den Hund starrt. Die Entscheidung, wo man sich hinsetzt und ob man vielleicht lieber kleinere Brötchen backt, ist für einen unsicheren Hund natürlich einfach.

Viel wichtiger ist aber, dass ich nichts von der Hündin wollte. Gar nichts. Ich wollte sie nicht anfassen, nicht anquatschen, nicht zeigen, was ich für ein geiler Hecht bin. Ich wollte einfach nur einen Moment mit ihr da sitzen und das habe ich auch so empfunden. Es war ein schöner Moment und diese Situation liegt schon Jahre zurück, aber ich erinnere mich immer wieder gerne daran.

# Seminare

Ich halte nichts davon, dass man Hunde immer und immer und immer wieder durch Seminare jagt. Ich bin aber auch der Meinung, dass ein Seminar oder zwei – vielleicht drei, für den Hund eine gute Erfahrung sein können. Wenn der Aufbau entsprechend ist und die Teilnehmer vernünftig instruiert werden. Für manche Hunde kann es sicher nicht genug gute Seminare geben, um diese wieder fit für den Alltag zu machen. Für manche sollten es lieber nie mehr als zwei sein.

Wichtig ist, zu bedenken, was da auch mit den Hunden passiert. Ein Seminar – oder vereinfacht – eine Gruppe von Menschen, die auf einen Hund starren, üben einen unglaublichen Druck auf dieses Tier aus. Dafür gibt es keine Lösung. Seminare müssen so. Trainer müssen Hunde sehen und fühlen, damit sie diesen und später auch anderen Hunden helfen können. – So lange man versteht, dass dies keine alltägliche Situation ist und man dem Hund auch Luft zum Atmen lässt, stellt das in der Regel kein Problem dar.

# Erfahrungen

Immer und immer und immer wieder habe ich dies gehört und darüber diskutiert, dass „dieser Hund etwas ganz Schreckliches mit xyz erlebt haben muss“, weil er eben auf xyz reagiert. Unschön reagiert, sei es nun ängstlich oder aggressiv.

Oft wird dann an genau (und nur!) diesem Thema herumgedoktort. Oder noch viel schlimmer, es wird genau dieses Thema vermieden und der Hund wird für immer in seinen Zwängen und Ängsten gelassen, die für gewöhnlich eher mehr, als weniger werden, wenn man sich ihnen nicht zuwendet.

Es liegt keine Zukunft in der Vergangenheit. Das könnte wahrer nicht sein.

Mit diesem Wissen und dem Willen gewappnet, gilt es, sich den Unwegbarkeiten und den Problemen im Leben des Hundes zu widmen. Schritt, für Schritt, für Schritt. Immer im Auge dabei das große Ganze, immer ein bisschen. Bis ihr einges Tages gar nicht mehr wisst, seit wann das Problem gar nicht mehr besteht.

Es hilft Hunden nicht, wenn ihr einen Schutzwall aus Liebe und Fürsorglichkeit um sie herumbaut, aus der auch die Traumata des Hundes niemals mehr entweichen können. Es hilft Hunden nicht, wenn ihr sie versteckt und so tut, als gäbe es nur euch zwei, drei, fünf auf diesem Planeten. – Es hilft Hunden nicht, wenn ihr sie gefangen nehmt.

# Zukunft

Nehmt euch öfter einen Moment und schaut euch eure Hunde genau an. Hinterfragt, was ihr tut, sprecht mit kompetenten Menschen, euren Trainern und arbeitet langsam aber solide an den Baustellen. Und last but not least: hört auf, in die Vergangenheit zu spekulieren und konzentriert euch auf euer Ziel.

Eure Hunde danken es euch – und ich auch.

Schönen Sonntag.

Auf dem Bild: Odin, aka „Ödy“, den ich damals aus eben diesem Seminar mit nach Hause genommen habe. Ein recht instabiler, bissiger Cattle-(Mix?), der nun bei meiner Ex-Frau in ihrer Hundegruppe ein schönes Leben führen darf, da es zwischen ihm und meinem anderen Rüden niemals eine echte Männerfreundschaft gegeben hätte, außer einer von beiden hätte das frühzeitig das zeitliche gesegnet. Aber dazu an anderer Stelle mehr. – Der Kennel stand mitten im Wohnzimmer, bis sich die erste Aufregung gelegt hatte und man die Hunde zusammen lassen konnte.

* Autor unbekannt, gehört bei „Miss Fisher – Mysteriöse Mordfälle“