Gefallene Engel

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich mit meinen Hunden im Wald auf einem Aussichtspunkt. Ich habe Gott und die Welt dabei, nicht in meinem Gepäck, aber in meinem Kopf, wo die beiden oft mit mir zusammen unterwegs sind. Heute beschäftigen sie mich mit dem immer wieder aktuellen Thema der gefallenen Engel. Menschen, die sich Tieren annehmen, die scheitern, die Katastrophen und viel verbrannte Erde zurücklassen.

Zunächst einmal sei gesagt, dass entgegen vielleicht dem Verständnis mancher, in diesem Beitrag niemand diffamiert oder, neudeutsch, gebasht wird. Hierzu eine kleine, aus dem Islam überlieferte Geschichte:

Der Prophet und einer seiner Gefolgsleute gehen an einem Mann vorbei, der im Schatten an einer Hauswand hockt und nichts tut. Der Mann blickt kurz auf, als die beiden Männer vorbei gehen. Beide gehen grußlos vorbei. Später am Tag gehen die beiden wieder an dem selben Mann vorbei. Dieses mal jedoch hat er einen Stecken in der Hand und schreibt Dinge in den Sand und gibt sich offenbar irgendwelchen Berechnungen hin. Wieder schaut der Mann auf, der Prophet grüßt ihn.

Als sein Gefolgsmann den Propheten ein paar Schritte weiter fragt, warum er ihn denn beim ersten Mal nicht gegrüßt habe, sagte der Prophet, dass er vorhin nichts getan habe, auf dem Rückweg jedoch schon und er dies eben gewürdigt habe.

Aber auch die Christen wussten lange zuvor schon in einfachen Worten zu sagen, dass Müßiggang aller Laster Anfang ist. Jede Arbeit verdient also zunächst einmal eine gewisse Würdigung. Ob sie gut oder schlecht gemacht wird, steht dabei auf einem ganz anderen Blatt.

Seelenheil

Ich weiß nicht, wie es beginnt. Ob es ein Schema gibt, dem alle irgendwie gefolgt sind. Frei nach dem Motto: „Ich mach ne Ausbildung als Tierschützer“. Ich halte das jedoch für nicht sehr wahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist, dass jeder für sich aus seiner persönlichen Geschichte dazu kommt oder gekommen ist.

Wer sich ein bisschen in der Hundeszene umsieht, merkt schnell, dass es nahezu unzählige Hunde gibt, die ein Zuhause suchen. Sie sind in Tierheimen, Tierschutzvereinen, auf Pflegestellen und in Pensionen untergebracht und warten dort auf ihr so genanntes „für-immer-Zuhause“. Besonders gefragt sind — und das schon seit vielen Jahren – Plätze für verhaltensauffällige Hunde. Das Gros machen dabei, und zwar mit großem Abstand, bissige Hunde aller Couleur aus.

Viele der Hunde sind hierbei offiziell Eigentum einer Organisation und werden auf entsprechende Plätze verteilt oder im eigenen Tierheim gehalten und versorgt. Während viele private Pflegestellen kein Geld erhalten, oft aber Futter und/oder tierärztliche Versorgung, sind professionelle Pflegestellen in Pensionen, bei Trainern oder bei anderen Organisationen mitnichten kostenfrei. Unterkunft, Versorgung und Training sind hierbei nicht zu vernachlässigende Positionen auf der Abrechnung und reichen von ein paar Hundert bis zu ein paar Tausend. Euro. Pro Hund. Pro Monat.

Durchaus also auch etwas, auf dem man eine geschäftliche Existenz fußen – und Beruf und Seelenheil miteinander verbinden kann. Oder eben nur Beruf, je nach dem.

Organisation

Während man bei einer Organisation an etwas denkt, das sehr groß ist und viele Menschen beschäftigt, sind die allermeisten Organisationen im Tierschutz relativ klein und bestehen nur aus ein paar Personen. Das hindert aber einige nicht daran, einen verhältnismäßig großen Hundebestand aufzubauen, in dem sie viele Hunde aufnehmen und zusammen versorgen. Das hat viele Vorteile. Die Kosten pro Hund sinken und eine ordentlich ausgewählte Hundegruppe hat einen positiven Effekt auf die Hunde selbst und deren Sozialverhalten. Am Ende sollen ja immerhin die allermeisten von ihnen auch in ein eigenes Zuhause ziehen.

Anfang vom Ende

Erst kürzlich wurde wieder ein Fall bekannt, in dem die Zahl der Hunde, die Möglichkeiten einer vernünftigen Haltung und Versorgung bei weitem übertraf. Immer wieder landen solche Fälle in den Nachrichten. Menschen, die sich der Sache annehmen, eine Berufung daraus machen. Denen das Wachstum aber dabei sprichwörtlich über den Kopf wächst und die dieses Problem damit zu beheben versuchen, in dem sie noch mehr Hunde aufnehmen. Und noch mehr.

Es ist ein schleichender Prozess und oft realisieren die Betroffenen gar nicht so recht, dass alles aus dem Ruder läuft. Auf Hilfe hoffen die meisten nur in Form von Spenden. Wohin sollte man auch mehrere Dutzend Hunde geben? Wer sollte die nehmen und versorgen?

Also wird keine Hilfe geholt. Die Situation wird schlimmer. Finanziell, organisatorisch, versorgungstechnisch. Hunde bleiben im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke. Manchmal auch die Menschen dahinter. Psychische Probleme, verhungerte oder schlecht versorgte und kranke Hunde und teils unvorstellbar schlimme Haltungszustände sind die Folge.

Eine andere, nicht weniger schlimme Variante ist, dass eine oder mehrere Personen ausfallen. Sie werden krank oder schlicht und einfach ins Krankenhaus gebissen, ebenfalls mit verheerenden Folgen für Haltung und Versorgung der Tiere und oft auch für die Menschen dahinter. Der Angriff nur eines Hundes kann leicht einen Menschen in die Berufsunfähigkeit befördern. Einen Plan B gibt es nicht. Eine Absicherung gibt es nicht. In manchen Fällen kämen Notärzte nicht einmal auf das Grundstück, um eine verletzte Person zu retten. Oder die Polizei müsste sich, so dramatisch dies nun auch klingt, den Weg erst einmal freischießen.

Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht

Manche dieser Menschen leisten jeden Tag schier Unmögliches. Tag ein, Tag aus, kümmern sie sich um Hunde, die traumatisiert sind, die schlecht gehalten wurden, die von der Straße geklaubt wurden, die ihr Zuhause verloren haben – oder noch nie eines hatten. Sie füttern, geben Medikamente, räumen die Scheiße weg und reinigen die Plätze, waschen die Decken, fahren zum Tierarzt, trainieren, planen, organisieren, machen die Buchhaltung, und und und… ein Faß ohne Boden, das eben manchmal nur auf einer wackeligen Planke steht.

Alle für einen, einer für Alle!

Ein Bündnis muss her. Tierschutzvereine wurschteln die meiste Zeit nur vor sich hin. Sie sind alleine, zu zweit, zu fünft. Sie machen alles. Kümmern sich um alles. Und wenn das Faß umfällt, wird es dramatisch. Keine Absicherung, keine Versorgung. Fällt einer um, werden einhunderttausend Spendenbitten überall in den sozialen Netzwerken geteilt. Dass dabei genug zusammen kommt, um die Katastrophe zu bereinigen ist unwahrscheinlich. Nur selten kommt das Geld dabei auch bei dem Menschen an, nur die Tiere werden versorgt.

Vertrauen ist nur eine Idee

Wir leben in einer Welt, in der jeder jeden bescheißt. Viel schlimmer noch, wir bescheißen uns auch selbst. Wenn alles gut läuft, ist man gerne bereit, sich an Absprachen zu halten, seinen Laden sauber und seine Schäfchen im Trockenen zu halten.

Aber wehe dem, irgendwas geht schief. Dann ist das erste, was auf der Strecke bleibt, so gut man es auch irgendwann mal gemeint hat: Das Versprechen. – Das Versprechen an Freunde, Mitstreiter und nicht zuletzt an die Tiere selbst.

Führerschein und Fahrzeugschein, bitte

Es muss eine Gemeinschaft gegründet werden, in der sich die, die sich geographisch am nächsten sind kontrollieren. Regelmäßig. Die Protokoll führen. Die Einsicht in Unterlagen nehmen und diese auch bewerten. Nicht gegenseitig. Kein eine-Hand-wäscht-die-andere-Geklüngel. Und Berichte mit aktuellen Fotos und aktuellen Unterlagen an eine unabhängige Stelle liefern. Eine Art übergeordneter Tierschutz, der im Fall einer Katastrophe – und auch nur dann, die Kosten übernimmt und ansonsten die Überschüsse wieder an die Mitglieder abführt, die zuvor ihren Einnahmen entsprechend Abgaben abführen. Vielleicht 1 oder 2 Prozent.

Es wird Zeit, dass im Tierschutz endlich mit offenen Karten gespielt wird. Das Vereine aufhören, Gegeneinander zu arbeiten, sich nicht mehr gegenseitig anzeigen, sich zivilisiert benehmen und sich wirklich dem Wohl der Tiere widmen und nicht dem eigenen Ego oder dem eigenen Geldbeutel. Das illegale Transporte hart und empfindlich mit dem Privatvermögen aller Beteiligten bestraft werden. Das Halter von Qualzuchten keine Versicherung mehr bekommen und steuerlich derb an die Kandare genommen werden. Das vernünftige Sachkundenachweise für alle Pflicht werden, VOR der Anschaffung und last but not least, dass Menschen, die ihre Hunde abgeben, auch einen gewissen Teil der Versorgung dieser übernehmen müssen. Aus den Augen, aus dem Sinn funktioniert nicht.

Es ist spät geworden, meine Hunde wollen ihr Frühstück und ich habe auch Hunger. Ich packe Gott und die Welt wieder in meinen Kopf und mein iPad in meine Tasche und gehe jetzt nach Hause. Es wartet noch viel Arbeit auf mich. Auf uns alle. Wir sind noch lange nicht am Ziel.

Viel Erfolg.